Henri de Toulouse-Lautrec
(Albi, 1864-1901, Ch. de Malromé, Gironde)
Messalina, 1900/01
Öl auf Leinwand, 92 x 68 cm
Atelier-Stempel unten rechts
Dortu P. 703
In Emil Bührles Sammlung nimmt Henri de Toulouse-Lautrec eine wichtige Stellung ein. Das steht in Übereinstimmung mit der Wirkung, die sein Werk auf viele Künstler am Anfang des 20. Jahrhunderts ausübte. Toulouse-Lautrec gehört zu einer Künstler-Generation, die den Impressionismus bereits als historische Erscheinung antrifft. Für diese Generation ist darüber hinaus klar, dass ihre Malerei nicht mehr von staatlich kontrollierter Kunstförderung abhängen wird. Besonders radikal vollzieht Toulouse-Lautrec den Bruch mit der bürgerlichen Welt, indem er auch seine Motive mit Vorliebe im Kabarett und in Bordellen sucht. Die Messaline steht dazu insofern im Kontrast, als sie die Aufführung einer Oper am städtischen Grand Théâtre von Bordeaux festhält. An die Stelle der schäbigen Dekadenz im Variété ist die opulente Dekadenz des alten Rom getreten. Messalina, römische Kaiserin und für ihren ausschweifenden Lebensstil bekannt, dürfte Toulouse-Lautrec in mehr als einer Hinsicht an die vertraute Pariser Halbwelt erinnert haben. Effektvoll holt der Künstler die von unten ausgeleuchteten Wangen und Halspartien der Sängerinnen hervor und übersieht nicht die knallroten Lippen der Hauptfigur. Wieder einmal beweist sich Toulouse-Lautrec als Meister des abrupten Bildausschnitts. Hinter Messalina erscheint eine auf ihren Unterleib reduzierte Statue, während der Sängerin am linken Bildrand kurzerhand das Gesichtsprofil abgeschnitten wird. Der radikale Bruch mit klassischen Schönheitsvorstellungen ebnet einer modernen Zuspitzung der Botschaft den Weg – es ist kein Zufall, dass Toulouse-Lautrec zeitlebens auch ein höchst erfolgreicher Werbegrafiker war. Die Messaline entstand ganz am Schluss seines Lebens, als Toulouse-Lautrec sich alkoholkrank zu seiner Mutter in Pflege begab. Das Bild ist auch nicht mehr signiert worden, sondern trägt unten links den so genannten Atelier-Stempel, den die Familie nach dem Tod des Künstlers anfertigte, um die hinterlassenen Werke zu authentifizieren.