Henri de Toulouse-Lautrec
(Albi, 1864-1901, Ch. de Malromé, Gironde)
Die beiden Freundinnen, 1895
Gouache auf Karton, 64.5 x 84 cm
Signiert unten rechts: HTLautrec
Dortu P. 602
Der vierzehnjährige Knabe Henri, der nach seinen folgenschweren, ein normales Wachstum ausschliessenden Beinbrüchen von seinem egoistischen, hartherzigen Vater, dem Grafen Alphonse de Toulouse-Lautrec-Monfa, nicht mehr als seinem Stande angehörig betrachtet wurde, fand sich auf einen Weg gedrängt, der den werdenden Künstler in seinem kurzen Leben den Aussenseitern der Gesellschaft in die Arme trieb und in der bittersten Konsequenz des Ausgeschlossenseins in die "maisons closes" führte. Nur so, durch eine Schicksalsgemeinschaft, der er sich zugehörig fühlen konnte, ist es zu erklären, dass der Künstler, der so grausam mit seinen Modellen verfahren konnte, hier vor jeder – so naheliegenden Karikatur zurückschreckte, ja er schildert diese Insassen der öffentlichen Häuser in der Rue d’Amboise und der Rue des Moulins mit einer für ihn ganz ungewohnten Zartheit wie seine Schwestern. Nicht, dass er auf die Schärfe der Beobachtung verzichtete, aber der treffsichere Zeichner verurteilt nicht, wirft sich nicht zum Richter auf, er berichtet von einer Welt, die in gewissem Sinne auch seine Welt ist. Die Grundstimmung dieser Bilder ist eine stille Resignation und tiefe Traurigkeit, die allein der Alkohol in laute Fröhlichkeit verwandeln kann, es ist die Grundstimmung von Lautrecs Leben. Nur der Kolorist geisselt mit seinen morbiden Farben – hier dem ausgewaschenen Rot im Rock und dem sterbenden Grauviolett der Hemdbluse – die Verworfenheit dieser Welt. Das undatierte Bild der beiden Freundinnen, das Dortu 1895 ansetzt, steht in engstem Zusammenhang mit zwei weiteren Bildern desselben Themas.