Camille Corot
(Paris, 1796-1875, Paris)
Sitzender Mönch, lesend, um 1865
Öl auf Leinwand, 73 x 50 cm
Signiert unten links: Corot
Robaut 1332
Den häufigeren weiblichen Einzelfiguren im Schaffen Corots stehen nur wenige männliche Figuren gegenüber. Vor allem vermißt man völlig Bildnisse seiner zahlreichen Freunde, mit denen Corot gern und häufig zusammen war. Dagegen zieht sich das Bild des Mönches wie ein roter Faden durch sein ganzes Schaffen, im Grunde genommen ein Spiegelbild, ein Wahlverwandter seiner selbst, der auf die eigene Familie verzichtete, um als ewiger Wanderer ausschließlich seiner Kunst zu dienen – in diesem Sinne hat Corot ein wahrhaft mönchisches Leben geführt.
In diesen Mönchsbildern findet letztlich Corots Einzelgängertum, seine Zurückhaltung vor der großen Welt seinen Ausdruck – Corot führte im Gegensatz zu Künstlern wie Géricault, Delacroix und Chassériau kein mondänes Leben. Das Mönchs-Bild der Sammlung Bührle, das Meier-Graefe als den Höhepunkt der Serie bezeichnet, dürfte im Zug einer späten Wiederaufnahme des Motivs ohne Modell, als freie Variante enstanden sein. Das großzügige, lockere Malwerk beschränkt sich auf eine beigegraue Tonigkeit, in der nur im Mittelgrund ein Rotakzent im Schal der Fußgängerin am Hang aufklingt.