Vincent van Gogh
(Groot-Zundert, 1853-1890, Auvers-sur-Oise)
Blühende Kastanienzweige, 1890
Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm
De la Faille 820
Seit Ende Mai 1890 hielt sich Vincent van Gogh in Auvers-sur-Oise auf und verbrachte dort einen grossen Teil seiner Zeit bei dem Arzt Paul Gachet. Gachet war nicht nur selbst Maler, sondern kannte auch eine Anzahl Künstler aus dem Impressionisten-Kreis. In intensiver Arbeit malte van Gogh nun fast täglich eines oder mehrere Bilder. Für das Bild der Sammlung Bührle wählte der Künstler ein besonders repräsentatives Format. Das Werk ist gleichmässig durchgearbeitet und lässt den Aufbau eines sorgfältig komponierten Stilllebens erkennen. In die Bildmitte ist die Vase gerückt, die unter dem Ast mit den weissen Kastanienblüten den kleineren Zweig eines Rhododendrons aufnimmt. Die Vase steht auf einem runden Tisch, auf dessen Fläche sie Schatten wirft. Nur das Blau, das die Blüten und Blätter oben einfasst, ist eine freie Erfindung. Darin verweist der Künstler auf den Himmel, vor dem die Blüten in Erscheinung traten, bevor sie zum Strauss arrangiert wurden. Die Malweise lässt erkennen, wie van Gogh die Lektion des Neoimpressionismus auf eigene Art weiter entwickelt hat. Der gestrichelte Farbauftrag hat sich jetzt zu dicken Strichen verfestigt. Ihre Anordnung wird zu einer wesentlichen Bildaussage und verleiht dem statischen Motiv eine eigene Dynamik. Bemerkenswert ist die originale Erhaltung der matten Bildoberfläche. Das Stillleben blieb nach van Goghs Tod zuerst als Geschenk im Hause Gachet. Dann gelangte es in eine Berliner Privatsammlung und blieb über vierzig Jahre im Besitz der gleichen Familie, bevor Emil Bührle es 1951 erwarb. Das Gemälde war stets nur ganz kurze Zeit im Kunsthandel. Somit blieb ihm das Schicksal vieler anderer Bilder van Goghs erspart, die – ganz entgegen den Intentionen des Künstlers – oft mit glänzendem Firnis überzogen wurden.