Vincent van Gogh
(Groot-Zundert, 1853-1890, Auvers-sur-Oise)
Sämann bei Sonnenuntergang, 1888
Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm
Signiert unten rechts: Vincent
De la Faille 450
Der Japonismus, der Einfluss Japans auf die Malerei der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, spielt auch in der Entwicklung van Goghs eine bedeutende Rolle. Mehr als nur im ästhetischen Bereich wie bei Manet, Whistler und Degas ist Japan für van Gogh das Symbol einer fernen, heilen Welt, in der die Künstler noch in einer echten Gemeinschaft miteinander leben. Er kennt diese Welt wie auch die anderen Künstler seiner Zeit nur aus dem japanischen Farbenholzschnitt. Erstmals im Dezember 1885 in Antwerpen, wo er an der Akademie studiert, umgibt er sich an seinem Arbeitstisch mit japanischen Holzschnitten, wie er seinem Bruder berichtet. Noch intensiver kann er 1886/87 in Paris diesem Interesse für die japanischen Farbenholzschnitte huldigen, er kauft sie ein für Theo, er macht sogar eine Ausstellung von japanischen Holzschnitten im Café Tambourin, die auf jüngere Künstler wie Louis Anquetin und Emile Bernard nicht ohne Einfluss war. In dem hektischen Kunstbetrieb von Paris kann er jedoch seine Vorstellungen von den idealen Zuständen, die ihm die Kunst Japans widerzuspiegeln scheint, nicht verwirklichen. Das Land der aufgehenden Sonne, für ihn unerreichbar, soll ihm die Provence ersetzen, wo er eine Schule des Südens gründen will. In einem Brief aus Arles, September 1888 an seine Schwester, schreibt er, Japonaiserien habe er hier nicht mehr nötig, da er sich immer sage, er sei hier in Japan.
"Der Sämann", im Oktober 1888 in Arles entstanden, könnte aus einer solchen Stimmung gemalt sein. Westliches und Östliches vermählen sich in ihm. Der Sämann silhouettenhaft links, die Saat auswerfend, geheiligt in seinem ewig gleichbleibenden Tun durch den riesigen Ball der untergehenden Sonne, ihm zur Seite in derselben Vordergrundsebene im Gegenlicht der Stamm eines Baumes, der von rechts diagonal das Bild teilt und erst die Weite der im violetten Dämmer liegenden Äcker fühlbar macht. Dieses in der japanischen Malerei alte Motiv eines einzelnen Baumstammes, das All der Natur symbolisierend, reicht von Sesshû über Kôrin und Ôkyô bis zu Hiroshige, dessen Pflaumenbaumgarten aus den "100 Ansichten von berühmten Orten in Edo" van Gogh in Paris kopiert hatte.