Vincent van Gogh
(Groot-Zundert, 1853-1890, Auvers-sur-Oise)
Selbstbildnis, 1887
Öl auf Leinwand, 47 x 35.5 cm
De la Faille 366
Van Goghs zweijähriger Aufenthalt in Paris bringt den entscheidenden Stilwandel. Bis dahin an der Peripherie künstlerischen Geschehens noch im Banne der Schule von Barbizon, steht er in Paris im Frühjahr 1886 im Brennpunkt eines grossen Umbruchs. Im Ungenügen mit den Errungenschaften des Impressionismus sucht eine nachdrängende jüngere Generation nach neuen Lösungen. Der Neoimpressionismus eines Seurat und Signac bewegt die Gemüter der Avantgarde. Es ergibt sich für van Gogh die merkwürdige Situation, dass er, der dreiunddreissigjährige Künstler, bisher expressiver Realist und in der Ablehnung des Impressionismus, den er kaum kennt, befangen, sich Künstlern gegenübersieht, die, zehn bis fünfzehn Jahre jünger als er, doch als Vertreter dieser jüngsten Richtung notwendigerweise seine Vorbilder und Mentoren sein müssen. Im Atelier Cormon, wo van Gogh Henri Toulouse-Lautrec und Emile Bernard trifft, wird dies besonders fühlbar. Es ist daher nur zu verständlich, dass van Gogh versucht, sich in eigenen Studien – gleichsam im Verborgenen – den neuen Stil anzueignen.
Die mehr als fünfzig Blumenbilder, die er in Paris malt, sind für ihn eine Fingerübung, sich mehr und mehr von den dunklen Tönen zu lösen und mit den starken Farben vertraut zu machen. In Briefen an den englischen Maler und einstigen Mitschüler der Akademie in Antwerpen, H.M. Levens, und seine Schwester Wilhelmien bezeugt er das ausdrücklich. Dasselbe gilt von den Selbstbildnissen der Pariser Jahre, die ihm das Alleinsein mit seinen künstlerischen Problemen ermöglichen und allmählich den graubraunen Galerieton durch helle Farben ersetzen. In demselben Mass sind diese Selbstbildnisse mit sich selbst von unerbittlicher Ehrlichkeit, indem sie auf alle posierenden Eitelkeiten verzichten und die spröde Bäuerlichkeit des rotblonden Holländers mit den blauen forschenden Augen offenbar machen. In dem mondänen Paris musste er ein Fremdling bleiben.