Vincent van Gogh
(Groot-Zundert, 1853-1890, Auvers-sur-Oise)
Der alte Turm, 1884
Öl auf Leinwand, auf Holz, 47.5 x 55 cm
Signiert unten rechts: Vincent
De la Faille 88
Vincent van Gogh hatte eine schwere Krise hinter sich, als er zufluchtsuchend Anfang Dezember 1883 im elterlichen Haus in Nuenen, im holländischen Nordbrabant, eintraf, um dort bis Ende 1885 zu bleiben. Er war dreissig Jahre alt und doch ein junger Maler, denn er hatte sich bis dahin in vielen Berufen versucht und war immer wieder durch seine Kompromisslosigkeit an der Umwelt gescheitert. Nach seinem Malunterricht bei Anton Mauve und der Zusammenarbeit mit George Hendrik Breitner in Den Haag gedachte er in Nuenen ganz für sich und nach eigenen Vorstellungen zu arbeiten.
Im väterlichen Pastorat, in dem in den Garten angebauten Bügelraum, erhält er einen Arbeitsraum; der Blick geht von dort über den Pfarrgarten auf die Felder, in denen die Turmruine der alten Kirche aufragt. Van Gogh hat sie in diesen Jahren immer wieder gemalt und gezeichnet, sei es als charakteristische Silhouette am Horizont bei Landschafts- und Erntebildern, sei es, dass er sie in Nahsicht malt, wie auch im Bild der Sammlung Bührle: ein Wahrzeichen der Vergänglichkeit und Einsamkeit, mit den schiefen Holzkreuzen des alten Bauernfriedhofs, dem gefällten Baum und den Krähen, die den Turm umkreisen. Die erdigen Farben tun das Ihrige, die Trostlosigkeit dieses Ortes zu betonen, dem sich auch das Grau des Himmels anpasst.
Der Verfall des Turms ist nicht aufzuhalten. Im Mai 1885 wird er abgebrochen. "Der alte Turm wird nächste Woche abgebrochen! Die Spitze ist bereits herunter – ich bin mit einem Bild davon beschäftigt", schreibt Vincent an seinen Bruder Theo. Auch dieser Turmstumpf fällt, was an Holz, Stein und Eisen noch irgendwelchen Wert hat, auch das Kreuz der Turmspitze, kommt dort zu einer Versteigerung, bei der van Gogh zeichnet und aquarelliert. Später, in Saint-Rémy, denkt er daran, den alten Turm von Nuenen noch einmal aus der Erinnerung zu malen, wie er in einem Brief an Theo vom 29. April 1890 schreibt. Das Bild kommt nicht zustande. Aber er wird die Kirche in Auvers-sur-Oise malen. Sie sei fast so wie seine Studien nach dem alten Turm von Nuenen, nur in der Farbe expressiver und prächtiger, meint er in einem Brief an seine Schwester.