Mary Cassatt
(Allegheny, 1845-1926, Mesnil-Théribus)
Mutter und Kind, 1893
Pastell, 55 x 46 cm
Signiert unten links: Mary Cassatt
Breeskin 226
Dass es Mary Cassatt, der Tochter eines amerikanischen Bankiers, gelang, sich einen Platz in der ersten Reihe der französischen Impressionisten zu sichern, mit denen sie seit 1879 ausstellte, ist um so bemerkenswerter, als sie den Verführungen ihrer bevorzugten gesellschaftlichen Stellung keineswegs abgeneigt war. Sie verdankt diesen ungewöhnlichen, über ihren Tod dauernden Ruhm nicht nur ihrer hohen Begabung, sondern auch ihrem starken Charakter. Von der kühlen Kritik, die sie anderen gegenüber übte, schloss sie sich selbst am wenigsten aus. Darin war sie ihrem Freund und Lehrmeister unter den Impressionisten, Edgar Degas, durchaus ähnlich. Mit Degas teilte sie auch die Liebe für den japanischen Farbenholzschnitt, den sie mit ihm gemeinsam, besonders in der Ausstellung der Ecole des Beaux-Arts 1890 erlebte und der sie zu einer Folge von zehn Farbradierungen anregte.
Das Vorbild Degas’ und des japanischen Holzschnitts sind auch für das Pastell "Mutter und Kind" bestimmend, das 1893 entstanden ist. Schon die Wahl des künstlerischen Mittels des Pastells deutet auf Degas, ebenso seine freie Handhabung, die den skizzenhaften Strich offen stehen lässt. Auch das verlorene Profil der Mutter in seiner summarischen Vereinfachung hat viel von Degas. Andererseits setzen die untereinander deutlich abgegrenzten Flächen die Kenntnis des japanischen Holzschnitts voraus.