Camille Corot
(Paris, 1796-1875, Paris)
Lesendes Mädchen, um 1845/50
Öl auf Leinwand, 42.5 x 32.5 cm
Signiert unten links: Corot
Robaut 393
Camille Corot gilt als einer der grossen Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts. Von seinen eher seltenen Figurenbildern besitzt die Sammlung Bührle zwei besonders wichtige Beispiele, darunter das Lesende Mädchen. Bei genauem Hinsehen erkennen wir, dass der Raum, in dem das Mädchen sitzt, das Atelier eines Künstlers ist. Unschwer ist am rechten Bildrand eine Staffelei im Anschnitt zu erkennen, auf der Bilder zum Malen aufgestellt wurden. Die Fläche hinter der Figur können wir aufgrund einer erhaltenen Zeichnung vom Atelier Camille Corots als Karton-Mappe identifizieren, die auf einem Stuhl gegen die Wand gelehnt war. Die rote Jacke, die das Mädchen trägt, rückt es in die Nähe von Figuren in italienischen Kostümen, die Corot besonders gerne malte. Als Thema seines Bildes wählt der Künstler hier aber einen Augenblick, in dem das Modell nicht posiert, sondern in einer Arbeitspause beim Lesen beobachtet wird. Das literarische Motiv macht so einer Beobachtung Platz, die ganz im Alltag des Künstlers wurzelt. Noch aus einem anderen Grund ist dieses Werk für die Geschichte der Sammlung Bührle wichtig. Es gehört zu einer Gruppe von 13 Bildern, die Emil Bührle zum Teil zurückgeben und zum Teil zwei Mal kaufen musste, als sich am Ende des Zweiten Weltkriegs herausstellte, dass deutsche Truppen sie im besetzten Frankreich gestohlen hatten. Ein erstes Mal erwarb Bührle das Lesende Mädchen von Corot 1942 bei einem Kunsthändler in Luzern. Nach dem Krieg gab Emil Bührle das Bild seinem rechtmässigen Besitzer, dem französischen Kunsthändler Paul Rosenberg zurück. Gleichzeitig machte er Rosenberg das Angebot, das Bild noch einmal zu kaufen. Die 1948 abgeschlossene Transaktion war der Beginn einer langjährigen Geschäftsbeziehung mit dem inzwischen in New York lebenden Paul Rosenberg.