J.-A.-D. Ingres
(Montauban, 1780-1867, Paris)
Madame J.-A.-D. Ingres, geb. Madeleine Chapelle, um 1814
Öl auf Leinwand, 70 x 57 cm
Wildenstein 107
Mit dem Sturz Napoleons, 1814, änderte sich das Leben der Franzosen in Rom schlagartig. Die hohen Funktionäre des Empire mussten Rom verlassen, und damit verlor Ingres, der noch bis 1820 in der ewigen Stadt blieb und sich dann bis 1824 in Florenz aufhielt, seine bisherigen Auftraggeber, zumal unter ihnen auch der König von Neapel gewesen war. Mehr als je war er auf sich selbst und den Kreis seiner Freunde angewiesen. Wie in Voraussicht des Kommenden hatte er nach Auflösung zweier Verlöbnisse, die vorausgegangen waren, am 4. Dezember 1813 die zwei Jahre jüngere Madeleine Chapelle, eine Modistin aus Guéret, geheiratet, deren Cousine die Frau eines römischen Bekannten war. Die einfache, sich dem dominierenden Mann gern unterordnende Frau ist ihm bis zu ihrem Tod 1849 eine ideale Gattin gewesen.
Das einzige Bild dieser liebenswerten Frau ist das Porträt der Sammlung Bührle, das in seiner für Ingres so ungewöhnlichen skizzenhaft breiten Pinselführung und ihren dünnen, lasierenden Grautönen Manet vorwegzunehmen scheint; nur das raffaelische volle Oval des anmutigen Gesichts mit den graublauen Augen, eingefasst von dem glatten gescheitelten Haar, wie es später auch Cézanne bei seiner Frau so liebte, hat die Ausführung erfahren, die wir von Ingres gewöhnt sind.