Paul Cézanne
(Aix-en-Provence, 1839-1906, Aix-en-Provence)
Der Knabe mit der roten Weste, um 1888/90
Öl auf Leinwand, 79.5 x 64 cm
Rewald 658
Diente das "Selbstbildnis mit Palette" mit seiner bewussten Reduzierung des Farblichen vor allem der gestrafften Klarheit der Form, so huldigt "Der Knabe mit der roten Weste" anscheinend ganz der Farbe. Schon das Kostüm des jungen italienischen Berufsmodells mit seiner folkloristischen Kleidung, der roten Weste, dem blauen Halstuch und dem blauen Gürtel fordert dazu heraus, auch das lange, in den Nacken fallende Haar unterstützt das Malerische, wenn es sich auch knapp der Kopfform anschmiegt, wie es für Cézanne typisch ist. Malerisch scheint auch das Sitzen mit dem geneigten Oberkörper und dem in die Linke gestützten Kopf, dessen das Bild beherrschende Diagonale von dem links schräg ins Bild hängenden saftgrünen Vorhang und einer weiteren Diagonale verstärkt wird, die aus der linken unteren Ecke des Bildes in wechselnder naturalistischer Funktion hinter dem Ellbogen aufsteigt; diese von links unten nach rechts oben verlaufenden Diagonalen werden durch die entgegengesetzt verlaufenden Diagonalen der Oberschenkel mit dem darauf liegenden rechten Unterarm und dem stützenden linken Unterarm aufgefangen. Die unendlich reiche, dichte und festliche Farbigkeit des ersten beherrschenden Eindrucks ist also in ein straff geregeltes Strukturgefüge sich kreuzender Diagonalen eingebettet, die – und das ist wiederum typisch für den Künstler – nicht in die Tiefe, sondern in der Bildebene verlaufen und sie verfestigen. Höchste kompositorische Intelligenz und spontane malerische Intuition halten sich in vollendeter Weise die Waage, so daß der Kritiker Gustave Geffroy schon 1895 von diesem Bild sagen konnte, es halte den Vergleich mit den schönsten Figurenbildern der Malerei aus. Cézanne hat das gleiche Modell Anfang um 1890 viermal gemalt und ein weiteres Mal aquarelliert, vermutlich in Paris an der Rue d’Anjou; derselbe Raum erscheint auf Bildnissen der Frau des Künstlers.