Paul Cézanne
(Aix-en-Provence, 1839-1906, Aix-en-Provence)
Die Versuchung des heiligen Antonius, um 1870
Öl auf Leinwand, 57 x 76 cm
Rewald 167
Zum Wesen Paul Cézannes als Vorbedingung seiner Größe gehört die Bereitschaft zum ständigen Wandel. In diesem Sinne ist die an sich so befremdende "Versuchung des heiligen Antonius" ein typisches Werk des Künstlers. Der etwa dreißigjährige Maler, von seinem ehrgeizigen Vater zu wirtschaftlichen Berufen bestimmt, steht noch ganz in den jugendlichen Anfängen. Ohne eigentliche akademische Ausbildung, die er in der Académie Suisse in Paris nicht erhalten hatte, ist er darauf angewiesen, sich unter den alten Meistern seine Vorbilder zu suchen. Schöpferische Unrast treibt ihn in diesem Bild zur Flüchtigkeit, seine provenzalische Vorliebe für den Barock zu geschraubten Posen und theatralischen Gesten. Die weiblichen Akte mit den ungeschlachten Gliedern erscheinen wie gedunsen, Draperien umrahmen sie wie muschelförmige Rocaillen. Vor diesem turbulenten Auftreten der vier Versucherinnen ist der heilige Antonius, der die Züge des jungen Cézanne trägt, links in den Hintergrund zurückgewichen, ohne daß es dem Künstler gelingt, es perspektivisch deutlich zu machen. Die derbflüchtige Pinselführung von Cézanne selbst als "manière couillarde", "Schleudermanier", bezeichnet, verzichtet auf Differenzierungen und stellt die Gestalten in kalkigem Weiß unvermittelt auf den dunkelfarbigen Hintergrund. Das Bild ist zeitlich zwischen der "Entführung" von 1867 und der "Idylle" von 1870 angesiedelt, wobei es dem letzteren Bilde nähersteht. Das Thema der Versuchung des heiligen Antonius hat Cézanne in den siebziger Jahren nochmals beschäftigt. Der im Vordergrund hockende Rückenakt mit dem in den Nacken fallenden Haar wird zu einem vielfach abgewandelten Bestandteil seiner "Badenden" bis zu den großen Kompositionen am Ende seines Lebens.