Edgar Degas
(Paris, 1834-1917, Paris)
Ludovic Lepic und seine Töchter, um 1871
Öl auf Leinwand, 65 x 81 cm
Lemoisne 272
Es ist kein Zufall, dass in den siebziger Jahren das Porträt für Degas an Bedeutung verliert und, wo es auftaucht, einen starken Wandel erfährt. 1870, nur ein Jahr nach der "Madame Camus au piano", malt er sie nochmals mit einem japanischen Papierfächer in der Hand, silhouettiert vor einer Wand, die das Licht von einer nicht dargestellten Lampe erhellt: der erzkonservative Degas, der Ingres verehrt hatte, wird unter dem Einfluss Japans zum Revolutionär wider Willen. In diesen Zusammenhang gehört auch das Bild des Grafen Ludovic Lepic mit seinen beiden kleinen Töchtern, das wohl kurz nach dem Deutsch-Französischen Krieg entstanden ist. Graf Lepic ist hier auch nicht der Auftraggeber, sondern der Freund und Grafiker, der mit den Impressionisten ausstellte. Kein Bild, das auf vielfältigen Studien aufgebaut ist, vielmehr ein Bild, das die ganze Frische eines ersten Eindrucks bewahrt, das selbst Studie ist.
Auf der hellgrundierten Leinwand zeichnet Degas mit hellem, flüchtigem Pinselstrich, den er überall stehen läßt, wie er es gelegentlich schon in den sechziger Jahren getan hatte. Auf dieser Pinselvorzeichnung liegen nur dünne durchscheinende Lasuren, so daß ein fast aquarellartiger Effekt entsteht. Damit die weissen Sonntagskleidchen der kleinen Besucher in ihrer schaumigen Helle zur Wirkung kommen, werden die Kinder schnell vor die türkisfarbenen Läden auf die Fensterbrüstung gesetzt, indem sie den Vater einrahmen. Einige Jahre später wird Lepic mit den nun schon etwas herangewachsenen Töchtern auf der "Place de la Concorde" Anlass zu einer der überraschendsten und gelungensten Bilderfindungen des Künstlers sein, in der die Grenzen des Porträts aufgehoben sind.