Edgar Degas
(Paris, 1834-1917, Paris)
Madame Camus am Klavier, 1869
Öl auf Leinwand, 139 x 94 cm
Atelier-Stempel unten rechts
Lemoisne 207
Blanche Camus, die ihr Klavierspiel unterbrochen hat, um sich einem Betrachter entgegen zu wenden, gehörte zum Freundeskreis des Malers Edgar Degas. Das grosse Format ihres Porträts unterstreicht den repräsentativen Anspruch. Die Figur ist, sitzend zwar, aber doch von Kopf bis Fuss dargestellt. Wertvolle Einrichtungsgegenstände deuten die elegante Umgebung an, in der die Porträtierte lebte. Die raffinierte Art ihrer Wiedergabe lässt erkennen, wie bedacht der 35jährigen Künstler sein Thema anging. Am deutlichsten wird das im Motiv des Spiegels. Glanzlichter kennzeichnen seinen Rahmen als farbiges Glas. In der linken unteren Ecke reflektiert der Spiegel den Widerschein einer Lampe. Sie steht unsichtbar im Rücken des Betrachters und ist auch die Quelle für das Licht, das den grossen Schatten der Porzellanfigur auf dem Klavier auf die Wand hinter Blanche Camus wirft. Als Vorbild verehrte Degas den kurz zuvor verstorbenen Klassizisten Jean-Auguste-Dominique Ingres. Über Ingres hinausgehend, belebt Degas sein Bildnis der Madame Camus aber mit Lichteffekten, die ein neues Verhältnis zur sichtbaren Wirklichkeit verraten. Aus wohlhabender Familie stammend, war Degas nicht darauf angewiesen, Bildnisaufträge auszuführen, sondern konnte sich darauf beschränken, Personen seines Freundes- und Bekanntenkreises zu porträtieren. Mit dem Bildnis der Madame Camus am Klavier verband er allerdings den Ehrgeiz, es am Pariser Salon auszustellen. Dem Versuch war kein Erfolg beschieden. Bei genauerem Hinsehen erkennen wir, dass der ablehnende Entscheid der Jury nicht ganz grundlos war. Weder die linke noch die rechte Hand ist fertig ausgeführt. Für beide Hände hat Degas Studien in Pastell erstellt, ist aber nicht mehr dazu gekommen, die Ergebnisse ins Bild zu übertragen. Zwei dieser Studien befinden sich heute in der Sammlung Bührle.