Honoré Daumier
(Marseille, 1808-1879, Valmondois)
Die beiden Advokaten, um 1855/57
Öl auf Holz, 20.5 x 26.5 cm
Signiert unten links: H. Daumier
Maison, I-90
Das Bild der beiden Advokaten in der Sammlung Bührle zeigt Daumier in seiner ganzen Meisterschaft. Der Künstler ist in seinem eigentlichsten Element, das schon dem dreizehnjährigen Laufburschen im Palais de Justice vertraut wurde: Der scheinbar Unbestechliche, der seinen Kopf so stolz zurückwirft, ist doch ganz Ohr für die Einflüsterungen des anderen; das theatralische Licht, das nur die eine Hälfte seines Gesichts erhellt, entspricht seinem gespaltenen Ich ebenso, wie das verschattete Dunkel den Charakter des Kollegen ahnen lässt. Daumier hält nichts von diesen "Schwätzer-Advokaten" und lässt es sie durch seinen rücksichtslosen Pinsel fühlen, der sich in den winzigen Ausmassen des Bildes zu einer grandiosen Monumentalität steigert. Obwohl die Nähe zur Lithographie als Quelle spielender Erfindung noch fühlbar ist, streift die breite malerische Handschrift doch alles Literarische ab, sie rückt mit ihrem Hell/Dunkel-Kontrast, zu dem nur das Inkarnat vor dem hell ockerfarbenen Hintergrund als farbiger Akzent kommt, in die malerische Nähe eines Manet, und der pointierte Witz der Karikatur steigert sich zur menschlichen Anklage. Dieselben beiden Akteure, hier als ein Doppelbrustbild dargestellt, tauchen in gewandelter Form als Dreiviertelfiguren in den beiden Advokaten des Museums von Lyon nochmals auf.