Honoré Daumier
(Marseille, 1808-1879, Valmondois)
Bei freiem Eintritt, um 1843/45
Öl auf Holz, 55.5 x 44.5 cm
Signiert unten rechts: H. Daumier
Maison, II-46
Als 1816 der Rahmenmacher und Bilderrestaurator Jean-Baptiste Daumier mit seiner Familie aus Marseille nach Paris übersiedelte, wo er sein Glück als Poet und Dramenschreiber zu machen hoffte, war Honoré acht Jahre alt. 1819 war er Zeuge früher, bald wieder sich verflüchtigender Theatererfolge seines Vaters. 1820/21 ist der Dreizehnjährige "saute-ruisseau", Laufbursche, bei einem Advokaten und treibt sich auf allen Strassen und Plätzen in Paris herum, anschliessend Commis bei einem Buchhändler im Palais-Royal, damals mit den Verkaufsständen in den Galerien voll turbulenten Lebens. Diese Erfahrungen werden die Daumiers Künstlerkarriere weit stärker prägen als seine Lehre bei einem Maler namens Lenoir und die Ausbildung in der Académie Suisse, wo es ausser der Arbeit nach dem lebenden Modell nicht viel zu lernen gab. Daumiers scharf beobachtendes, das Charakteristische schnell erfassendes Auge drängt ihn zum Zeichnen, zur Lithographie, die ihre erste Verbreitung erfährt, zur politischen Karikatur, mit der er sich für Gerechtigkeit und politische Freiheit einsetzt. Der Maler und der Bildhauer in ihm müssen warten, er muss sein Leben verdienen.
"Le spectacle gratis", hierin sind sich alle Daumier-Forscher trotz dem Mangel gesicherter Daten für sein malerisches Werk einig, gehört in die Anfänge der vierziger Jahre. Früh und oft Erlebtes findet eindrucksvoll Gestalt; Menschen auf der Galerie eines Theaters, die sich fast erdrücken, wollen sich nichts entgehen lassen von dem, was auf der Bühne vorgeht, neun Personen, die die Nachdrängenden ahnen lassen, schieben sich mit ihren Köpfen und Schultern zu einer plastischen, schwer zu entwirrenden Masse zusammen, die sich nur in den beiden vor einer beleuchteten Lisene silhouettierten jugendlichen Frauenprofilen, dem aufleuchtenden mittleren Männerkopf und helleren Schultern akzentuieren. Das türkisfarbene Kleid der vorderen Frau und der rote Samt der Rangbrüstung sind die beherrschenden Farbtöne.