Gotische Altartafeln
Kreuzigung Christi, Niederlande - Um 1420
Tempera auf Holz, 56 x 42.5 cm

Auch die zweite gotische Tafel der Sammlung Bührle zeigt eine Kreuzigung Christi auf dem volkreichen Kalvarienberg. Stilistisch ist der Abstand des jüngeren vom älteren Bild offensichtlich: Die Figuren haben an Volumen gewonnen, sie sind räumlicher gruppiert, die Gesichter fein und lebendig modelliert. Der Schauplatz ist tiefer geworden, er entwickelt sich in Richtung einer echten Landschaft, hinter der der Goldgrund wie eine Art Himmel erscheint. Alle Einzelheiten wirken natürlicher, stofflicher; zugleich leuchten die Gewänder in prächtigen Farben, bilden weich fliessende Falten aus. All dies macht die Tafel zu einem typischen Beispiel für den sogenannten «Internationalen Stil» im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts. Umso rätselhafter bleibt jedoch der Ursprung des Gemäldes. Bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts ist es in der seht umfangreichen Sammlung des Kölner Stadtbaumeisters Johann Peter Weyer nachzuweisen, doch gehört es mit Sicherheit nicht in die recht dicht überlieferte Kölner Malerei. Die kräftigen Rösser mit ihren lebensvoll vorgestreckten Köpfen und die Physiognomie des Johannes, die nicht den in Köln oder Westfalen gängigen Typen entspricht, könnten auf einen weiter westlich, also in den Niederlanden oder Frankreich gelegenen Ursprung deuten. Der Blick des Johannes oder die Zeigegesten der Figuren rechts richten sich nicht auf die ungewöhnlich weit nach oben verschobene Gestalt Christi, da sie offenbar von einer Vorlage stammen, in der das Kreuz wie üblich vorn in der Mitte zwischen den beiden Gruppen aufgestellt war.