Mittelalterliche Skulpturen
Schutzmantelmadonna
Nachfolger des Michel Erhart
Um 1450/1500
114 cm
Emil Bührles Beschäftigung mit Kunst reicht in seine Studienzeit an der Universität von Freiburg im Breisgau zurück. Bleibende Erinnerungen hinterliessen ihm die Vorlesungen von Professor Wilhelm Vöge. Dessen Spezialgebiet war die gotische Plastik an deutschen und französischen Kathedralen – das letzte Seminar, das Emil Bührle besuchte, bevor er im August 1914 zum Kriegsdienst eingezogen wurde, galt einem Vergleich der beiden Münster von Strassburg und Freiburg.
Unabhängig von seiner Vorliebe für Werke der modernen französischen Malerei sammelte Emil Bührle stets auch mittelalterliche Skulpturen. Im Zentrum der Sammlung stehen Arbeiten aus der Zeit der Gotik und aus den Gegenden rund um den Bodensee, aus Bayern und Tirol. Für die sogenannte "Schutzmantelmadonna" der Bührle-Sammlung wird angenommen, dass sie im Umkreis des in Ulm tätigen Meisters Michel Erhart entstanden ist, in der Zeit der späten Gotik zwischen 1450 und 1500, als Heiligenfiguren in nie zuvor gekannter Zahl produziert wurden.
Gemäss katholischer Lehre können Heilige als Fürsprecher zugunsten von Gläubigen auftreten. Diese Rolle ist im Bild von der "Schutzmantelmadonna" bildlich einleuchtend umgesetzt. Wie in einer Kirche nach Männern und Frauen getrennt, versammeln sich die Gläubigen unter dem Mantel der Muttergottes, und heben ihre Hände zum Gebet. Durch ihre Gewänder sind die Gläubigen als Angehörige gehobener weltlicher und kirchlicher Kreise gekennzeichnet. Zwei Engel halten den Mantel der Muttergottes. Sie geben dem Mantel damit auch eine symbolische Bedeutung als Himmelszelt, unter dem sich die Gläubigen geborgen wissen – im Vertrauen darauf, dass die Muttergottes den Segen ihres Sohnes erwirkt, wie das im Gestus der rechten Hand des Christuskindes zu erkennen ist.