Jan Steen
(Leiden, 1626-1679, Leiden)
Die Zeitungsleser, um 1660/70
Öl auf Holz, 34.5 x 44.5 cm
Signiert unten rechts: J Steen

Mit Neuigkeiten aus der "grossen Welt" ausserhalb der eigenen Gemeinde wurde man im 17. Jahrhundert nichteben überfüttert. Da war die Ankunft eines neuen Flugblattes mit Nachrichten schon ein Ereignis und ein Anlass zu gemeinsamer Lektüre in jener uralten Nachrichtenbörse – der Gastwirtschaft. Die Entzifferung einer "Newen Zeyttung" durch drei dörfliche Herren ist der Gegenstand dieses Bildes. Eine Balustrade, auf die eine Frau sich zum Zuhören lehnt, trennt den Tisch der drei vom Eingang zur Wirtsstube rechts und zum Wirtsgarten in der Entfernung. Vom strohgedeckten Dach der Laube hangen grüne Weinranken herab. Links im Hintergrund erblickt man in einer Hofecke zwei Männer, von denen der eine anscheinend nach Anweisung eines besser gekleideten anderen Blumen in einen Kübel pflanzt. Ein fertiges Erzeugnis ihrer Bemühungen ist wahrscheinlich der Nelkenstock in der linken vorderen Ecke des Bildes. In der Mitte dient ein umgestülpter Bottich als Beisetztisch für Krug und Pfeife. Leiser Humor durchzieht die Darstellung – leiser, als bei Steen gewohnt: Dass der Lesende das Blatt so nahe vor die Nase hält, dass der sitzende Zuhörer unverständig feixt, wo die anderen nur Aufmerksamkeit erkennen lassen, und dass er die Beine so linkisch von sich streckt – das macht in der anderweitig ruhigen kleinen Welt allein die Komik aus. Wohlausgewogen und sparsam ist die Komposition des Bildes, geradezu streng gegenüber den meisten Werken Steens. Auch sein oft übersehener Rang als Maler wird eindrucksvoll klar: Blank und fein ist der Auftrag der Farbe; das Lila, Braun und Grün der Kleidung wird von einem bestimmenden Graubraunton gedämpft; die rote Jacke und die weisse Haube der Frau treten am hellsten hervor. Alles an diesem Bilde spricht für seine Entstehung zur reifsten Zeit, in den Haarlemer Jahren.