Joachim Patinir (?)
(1485-1524)
Landschaft mit der Taufe Christi und der Predigt des Johannes, um 1520
Öl auf Holz, 29 x 38.5 cm

Patinir war, wenn die Überlieferung nicht täuscht, der erste Künstler nach der Antike, der die Landschaft wieder zum Gegenstand eigener Gemälde gemacht hat. Was auf vielen spätgotischen Altären und Einzeltafeln schon einen Teil des Ganzen gebildet hatte: der Blick in die Ferne mit weiteren biblischen oder weltlichen Szenen, das machte Patinir gewissermassen selbständig. Sosehr jedoch die Landschaft den Betrachter vor dem Geschehen in ihr fesseln mag: ganz fehlte das Geschehen, Anlass oder Rechtfertigung der Landschaft, einstweilen noch nicht. Diese Landschaft ist ersichtlich ein Gebilde der Phantasie, voller Gegensätze in Höhe, Tiefe und Verbindung der Motive miteinander. Und doch spürt man (wie bei den oben erwähnten Vorläufern und Zeitgenossen) allenthalben Wirklichkeit im Einzelnen. Die mürben, blaugrauen Felsen erinnern an das Maastal; die ferne Landschaft dehnt sich naturwahr unter einem lichten, am Horizont weisslichen Himmel. So mischen sich noch die Absichten zwischen der vertrauten Phantasie und der unvertrauten Natur. Das biblische Land wird nach Brabant versetzt; die Darstellung erhöht die Umwelt. Im Vordergrund tauft Johannes, am Ufer des Jordans kniend und auf das Buch des Gesetzes gestützt, den Heiland; in der Entfernung – nach ältestem Brauch doppelt in demselben Bild erscheinend – predigt der Täufer in einem Wald vor einer Menschenschar. Der Landsknecht, der dort zuvorderst sitzt, trägt ein modisches Barett mit Pfauenfedern. Über der Taufe schwebt die Taube des heiligen Geistes; im Himmel erscheint Gottvater.