Willem Kalf
(Rotterdam, 1619-1693, Amsterdam)
Stillleben mit Nautilusschale, um 1660
Öl auf Leinwand, 66.5 x 56 cm

Auf einer Marmorplatte liegt ein scheinbar achtlos beiseitegeschobener Orientteppich. Auf ihm liegen und stehen eine Silberschale, eine Taschenuhr mit Schlüssel an blauem Band, ein "Nautiluspokal", bestehend aus der Schale der Nautilusschnecke in einer üppigen, vergoldeten Fassung, eine chinesische Porzellanschale mit blauer Bemalung, in ihr einige Oliven, ein "Römer" mit weissem Wein, eine "Flöte" mit einem Rest roten Weins, eine Apfelsine. Ist das Stillleben nicht wie eine Allegorie des Reichtums aus aller Welt, der sich in den Niederlanden sammelte? Getreu spiegelte die Stilllebenmalerei, weit entfernt von der Schlichtheit der ersten Generation, den wachsenden Wohlstand des Landes und die Weitläufigkeit seiner Bürger. Man gehe der Herkunft aller dieser Dinge nach und erkenne Holland als den Markt der damaligen Welt. Aber der Zauber solcher Stillleben liegt nicht nur im bedenkenswerten Inhalt, nicht nur in der Weise, wie die vielfältigen Substanzen und Oberflächen neben- und gegeneinander ausgespielt werden - die Zartheit der chinesischen Schale gegen den schweren Schwall des Teppichs und das schnörkelreiche Goldschmiedewerk; der Zauber liegt vor allem im Rhythmus der Komposition, in der fein ausgewogenen Verteilung der bildlichen Gewichte, im Spiel der Gegensätze innerhalb einer höheren Einheit. Wie ein barocker Treppenlauf schwingt zum Beispiel eine Linie durch die Dinge um den Pokal herum, schwingt eine andere Linie aus dessen Fuss hoch und entgegen, zugleich jedoch im Orangenlaub auseinander. Nichts im Bilde gerät aus dem Gleichgewicht.