Jan van Goyen
(Leiden, 1596-1656, Den Haag)
Flusslandschaft mit Fähre, 1625
Öl auf Holz, 42 x 65.5 cm
Signiert & datiert unten rechts: I V Goyen 1625
Beck 234
Das war damals neu in der Geschichte der Landschaftsmalerei: Anstelle der weithin schwingenden Kompositionen aus phantastischen Gebirgen, Wäldern und Ebenen, schier endlosen Blicken zu fernen Horizonten, jähen Verkürzungen und Abbrüchen im Gelände und pathetischen Kulissen trat jetzt eine geruhsame, entspannte Kompositionen aus Elementen, die jedermann vertraut waren, kein hoher Standpunkt mehr, der stets der Landkarte naheblieb, sondern ein Absinken der Perspektive, das den Maler als Beobachter seiner Umwelt spüren, ihn "mittenhinein" versetzt. Ein Realismus freilich, der zwar im zweiten und dritten Jahrzehnt des Jahrhunderts die holländische "Heimatlandschaft" herausbildete, aber doch nicht der Realismus des 19. Jahrhunderts oder der Vedutenmaler war. Auch diese behäbige Szene ist der Phantasie entsprungen, kein Ausschnitt der Wirklichkeit, sondern nur ein Kompositum aus realen, im Skizzenbuch oder im Gedächtnis festgehaltenen Einzelheiten. Die dunkel-bunten Farben sind "Kunst", nicht "Natur"; selbstverständlich entstand das Gemälde in der Werkstatt, nicht draussen. Im Vordergrund ein Fährboot mit Kühen und Landleuten. Bepackte Landleute wandern davon. Hoch ragt im Mittelgrundeine Mühle; früher hätte man derlei dramatischer, näher am Vordergrund, exzentrischer eingesetzt. Die Spiegelungen im Wasserlauf haben den Maler deutlich gereizt. Dann weitere Boote, eins mit einem Angler. Gehöfte. Links hinten ein grösseres Anwesen. Eine Sammlung von Motiven aus der kleinen, dörflichen Welt, auf Dunkelbraun gestimmt und locker gemalt; die Figürchen drall gerundet. Treffend wurde das Gemälde in der Versteigerung 1785 schon gekennzeichnet: "Goijen 1625. (J. van) in de manier van zyn Meester, E. van den Velden." Denn in der Tat bestimmte van Goyens Lehrer Esaias van de Velde noch Jahre später Komposition, Farben und Motive des wenig jüngeren Zeitgenossen. Im Zusammenhang mit dem Bild der Sammlung Bührle lässt sich das am besten in einem Vergleich mit E. van de Veldes Gemälde "Das Fährboot" aus dem Jahre 1622 im Rijksmuseum Amsterdam feststellen.