Aelbert Cuyp
(Dordrecht, 1620-1691, Dordrecht)
Gewitter über Dordrecht, um 1645
Öl auf Holz, 77.5 x 107 cm
Signiert unten rechts: A. Cuyp
Chong 61
So sah man im 17. Jahrhundert, vor der Industrialisierung und der "Zersiedlung" der Natur, die Städte: Fernher sichtbar wuchsen sie vor dem Wanderer empor – das fest Geformte, dicht Gewachsene aus dem Ungestalten. Kirchtürme, Rathaustürme und Windmühlen waren die Wahrzeichen, die aus einem Gedränge niedrigerer Bauten herausragten. Hier liegt in der Ebene Dordrecht, die Heimatstadt des Malers; häufig hat er sie im Hintergrund seiner Bilder geschildert. Die massige Kirche ist die Grote Kerk; weiter links liegt das Rathaus. Das eigentliche "Motiv" ist jedoch nicht die Weite des Landes, nicht die Silhouette der Stadt, nicht einmal die Höhe des Himmels, der sich über allem wölbt, sondern ein Wetterdrama. Von links ziehen regenschwere graue Wolken über das Bildfeld. Regen fällt in Strähnen (links von der Kirche). Rechts ist der Himmel noch ein wenig blaßblau. In dicken, gelben, plastischen Schlieren fährt ein Blitz hernieder, nicht in kindlichem Zickzack, sondern – vorzüglich beobachtet – in flächig zerfaserten Strähnen. Fahle Beleuchtung erhellt die fernen Häuser. Im Vordergrund lassen Kühe (zwei wie von einem Bühnenscheinwerfer beleuchtet) und ein Pferd das krachende Spektakel gelassen über sich ergehen. In der Geschichte der Gewinnung der Natur für die Malerei scheint dieses Bild einen besonderen Platz einzunehmen. Es ist eine der ersten Darstellungen des Gewitters, des Blitzschlages als eines nur meteorologischen Phänomens, unabhängig vom Inhalt (etwa einerZerstörung Sodoms). Für die Entstehung in Cuyps frühen Jahren sprechen der graugelbe Ton und der schwere Auftrag der Farben, die ein wenig Jan van Goyens Einfluß verraten. 1834 sah John Constable das Gemälde und nannte es "truly sublime".