Geraert ter Borch
(Zwolle, 1617-1681, Deventer)
Der Besuch, um 1660
Öl auf Leinwand, 91.5 x 103 cm
Gudlaugsson 149
Die Bühne des Geschehens ist eines jener Zimmer, die man noch heute in niederländischen historischen Museen oder alten Häusern betreten kann: von bescheidener Grösse und Höhe, dunkel und kostbar ringsum mit einer blau-gold-geprägten Ledertapete ausgeschlagen. Links ein Kamin aus braunem und weissem Stein in klassischen Formen, rechts eine geöffnete Tapetentür, die dem Beschauer stark verkürzt entgegenstösst. Einen auffallenden Gegensatz zur Pracht der Wände bildet der Fußboden aus gescheuerten weissen Bohlen. Rechts tritt der Kavalier auf die Bühne – wird er erwartet, wo wird er sitzen, und warum passt der andere Herr nicht auf? Schwarz-weiss-golden ist der Eintretende gekleidet; die Hände hat er in einer Geste ergebener Begrüssung ausgestreckt. Genau auf der Mittelachse des Bildes tritt die Dame ihm entgegen, ein Zauberklang aus ter Borchs unnachahmlichem Silberatlas und glitzernder Borte; hinter ihr als tiefblauer Kontrapunkt ihr gepolsterter Stuhl. Ihre Arme sprechen in gemessener Geste von freudiger, aber schicklicher Überraschung und heissen willkommen. Etwas bieder klingt links das Rot-Blau-Weiss der zweiten Dame: Fächer in den Händen, die Füsse auf dem Wärmöfchen, die Aufmerksamkeit zwischen dem braun-weissen Herrn, der auf sie einredet, und dem prächtigen Paar schwankend. Endlich, wie rechts, so links als Statist ein Diener mit einem Glas trübbraunen Weins. Das Licht fällt von vorn unten ohne viel Kraft in die Szene und bestärkt den Eindruck, hier werde feine Häuslichkeit als Theater, als Tableau vivant gespielt. Das Format ist ungewöhnlich gross für ter Borch. Die Kostüme deuten wie der Malstil und die weit gedehnte Komposition auf die Entstehung um 1660. Sehr deutlich spricht aus Gemälden wie diesem die Verfeinerung, die nahezu höfische Attitüde des holländischen Grossbürgers, für den die harten, schlichten Anfänge des Staates nur mehr eine Erinnerung waren. Frankreich war für Künstler und Auftraggeber das Vorbild geworden, französischer Grâce und Kostbarkeit strebte auch dieses Gemälde nach – schwer zu sagen, ob mit leiser Ironie.