Tintoretto (Robusti, Jacopo)
(Venedig, 1518-1594, Venedig)
Die Kreuztragung, um 1585/90
Öl auf Leinwand, 149 x 125 cm
Pallucchini/Rossi 449
Eine genaue Betrachtung des Gemäldes bestätigt die bereits von H. Tietze (1948) geäusserte Ansicht, dass wir es beim Bild der Sammlung Bührle mit einer im Gegensinne ausgeführten und "für die Werkstatt charakteristischen Variation" der 1566/67 entstandenen "Kreuztragung" von Jacopo Tintoretto im Albergo der Scuola di San Rocco in Venedig zu tun haben. In Ergänzung dazu hat Fritz Heinemann 1974 mit recht überzeugenden Argumenten den aus Insbruck stammenden Pietro de Pomis als hauptsächlichen Autor des Gemäldes namhaft gemacht. Tatsächlich unterscheidet sich unser Gemälde von seinem grossen Vorbild in der Scuola di San Rocco sowohl durch eine manchmal bis zur Kargheit reduzierte Pinselschrift als auch durch seinen, gelegentlich von Gelbtönen durchsetzten, im übrigen aber vornehmlich auf dem Zusammenklang von Rot und Blau basierenden, beinahe bunt wirkenden, farbigen Gesamteindruck. Andererseits bewahrt der kompositionelle Aufbau unserer Darstellung typische Eigenschaften der grandiosen Bildkunst Jacopo Tintorettos. Das gilt vor allem hinsichtlich der zunächst dekorativ anmutenden Einbettung des im Bilde vorgestellten Ereignisses in eine aus zwei gegenläufigen Diagonalbewegungen bestehende Flächenkomposition. Ein derartiges Abweichen vom achsialsymmetrisch entwickelten, klassischen Bildaufbau zielt hier offensichtlich auf die nachdrückliche Betonung der nach rechts unten verschobenen, heilsgeschichtlich bedeutsamen Hauptgruppe, zu der sich Simon von Kyrene und Veronika, die dem unterm Kreuz zusammengebrochenen Christus beistehen, mit der daneben in Ohnmacht gesunkenen Madonna gegenüber der räumlichen Tiefe zusammengeschlossen haben.