Giovanni Battista Tiepolo
(Venedig, 1696-1770, Madrid)
Das Bad der Diana, um 1743/44
Öl auf Leinwand, 79 x 90 cm
Gemin/Pedrocco 302
Die hauptsächlich durch Ovids Metamorphosen bekannte Geschichte von Diana und Aktäon hat Tiepolo mindestens dreimal behandelt. Innerhalb dieser Gruppe von Gemälden nimmt das Bild der Sammlung Bührle insofern eine Sonderstellung ein, als hier der Jäger Aktäon, abweichend von dem sonst allgemein üblichen Darstellungsschema, nicht im Augenblick seiner Verwandlung wiedergegeben ist und damit in das vorgestellte Geschehen voll einbezogen wird, sondern als in der Ferne angstvoll fliehender Hirsch nur noch angedeutet erscheint. Damit aber ist aller Nachdruck im Bilde auf die reliefhafte Anordnung Dianens und ihrer Begleiterinnen im Vordergrund des Bildes gelegt und zugleich die vorzugsweise Berücksichtigung klassizistischer Formvorstellungen unverkennbar. Das ist besonders deutlich angesichts der figürlichen Gruppe zur Rechten, wo sich eine auf den Hirsch hinweisende Nymphe über ihre am Boden hingestreckte Gespielin beugt, ein Motiv, das in sehr ähnlicher Form sowohl auf Sarkophagreliefs aus dem Sagenkreis des Endymion wie aus dem dionysischen Bereich mit der schlafenden Ariadne wiederkehrt. Erinnerungen an die Vorstellungswelt der bolognesischen Akademie der Carracci weckt dagegen die in erschreckter Haltung vom Rücken her gesehene Gestalt der Diana zur Linken. Entsprechende Anregungen sind dem Künstler offenbar durch den Auftraggeber des Bildes, den Grafen Francesco Algarotti (1712-1764), vermittelt worden, in dessen Sammlung sich das Bild ursprünglich befand und wo es im Katalog ausführlich beschrieben wird. Schliesslich befördert Algarotti durch sein persönliches Eingreifen eine der venezianischen Kunst des 18. Jahrhunderts überhaupt eigentümliche Neigung, den traditionell überkommenen Bildinhalt möglichst zu überspielen und oft bis hin zum Capriccio oder gar Scherzo abzuwandeln. So ist jedenfalls am ehesten jener balletthafte Effekt zu erklären, der auf unserem Bilde dem erschreckten Verhalten der Figuren anhaftet, die durch ihr ruckhaftes Auseinanderfahren – das dann von der Landschaftskulisse aufgenommen wird – sogar die Einheit der Bildkomposition aufs Spiel setzen.