Francesco Guardi
(Venedig, 1712-1793, Venedig)
Kreuzigung, um 1740/50
Öl auf Leinwand, 72.5 x 55.5 cm
Morassi 177
Diese im Jahre 1952 in französischem Privatbesitz aufgetauchte Kreuzigungsdarstellung gehört offensichtlich zu jener Gruppe von Gemälden, die während der bis 1760 dauernden Werkstattgemeinschaft Francesco Guardis mit seinen Brüdern Giovanantonio und Niccolo entstand. Nach dem Tod des Vaters, Domemco Guardi, im Jahre 1716, arbeiteten die beiden jüngeren Söhne – sobald sie herangewachsen waren – in der väterlichen Werkstatt unter der Leitung des Giovanantonio, der damals als Ältester automatisch zum Oberhaupt der Familie aufgerückt war. Sein noch unter den Augen des Vaters entwickelter Malstil ist zunächst für die gemeinsame Produktion bestimmend gewesen. So entstehen anfangs vor allem Altarbilder für zumeist wenig bekannte Kirchen und Historienbilder für verschiedene Paläste und Villen im gängigen Geschmack der Zeit sowie Kopien nach Gemälden des 16. und 17. Jahrhunderts. Neben einer gewissen Abhängigkeit von der Manier Paul Trogers verrät der auf dekorative Wirkungen ausgehende Figurenstil Giovanantonios die Auseinandersetzung mit Piazzettas leuchtender Farbgebung und der sensiblen Strichtechnik Sebastiano Riccis, wobei der Künstler die durchgehend spürbare Erfindungsarmut seiner Bildkompositionen durch eine virtuos gehandhabte Vortragsweise und die höchst effektvolle Anwendung reflektierenden Lichtes auszugleichen suchte.
Dagegen zeichnet sich die künstlerische Eigenart Francesco Guardis erst seit etwa 1740 deutlicher ab. Er beginnt nunmehr mit jenen vor einer geringen Raumtiefe entwickelten, von starken Licht- und Schattenkontrasten erfüllten Figurenkompositionen hervorzutreten, von denen ein gesichertes Beispiel die Jahreszahl 1747 trägt. Die zumeist starke innere Erregtheit der darin auftretenden Gestalten findet ihren Ausdruck in vielfältig akzentuierten Bewegungen, deren körperplastischer Vortrag wiederum durch eine sensibel fluktuierende Oberflächenbehandlung aufgelockert ist.