J.M. Theotokópoulos
(Toledo, 1578-1631, Toledo)
Die Geburt Marias, um 1608/20
Öl auf Leinwand, 62 x 36 cm
Wethey X-33
Das Ereignis der Geburt Marias, meist willkommener Anlass für die detaillierte Schilderung profaner Interieurs, ist hier in eine Vision von mystischer Erregtheit umgedeutet. Flammen gleich züngeln die figürlichen Schemen der um Kind und Wöchnerin bemühten Dienerinnen empor, wobei ihre ekstatischen Bewegungen aufgenommen werden von den ungehemmt aufwärts strömenden Wolken des gewittrigen Himmels. Hier erscheint in der Höhe Gottvater mit segnender Gebärde, von einem roten Mantel umflattert und von Putten umwirbelt. Allein um die mit betend erhobenen Händen aufgerichtet in ihrem Bette sitzende heilige Anna hat sich eine Zone der Ruhe erhalten, die noch betont wird durch den über ihrem Haupte sich öffnenden Baldachin, dessen tiefes Rot im Verein mit dem Grün der Bettdecke auch vom Farbigen her dem durch die allgemeine Verzückung entstandenen Aufruhr beruhigend entgegenwirkt. Indessen unterstreicht Hochformat wiederum die insgesamt deutliche Tendenz des Hinauflenkens aller Vorgänge in lichtere Sphären durch Linien, Farben und Licht, worüber die körperliche Substanz der figürlichen Erscheinungen förmlich aufgezehrt und ihre unmittelbare Beteiligung an einem überirdischen Geschehen zum Ausdruck gebracht wird.
Seit H.E. Wethey (1962) gilt das Bild als eine von Jorge Manuel, dem Sohn des Künstlers, ausgeführte Wiederholung nach einem verlorengegangenen Werk Grecos aus der Zeit um 1590-1595, das in beiden Nachlassinventaren übereinstimmend beschrieben wird, eine Zuschreibung, die auch von der jüngsten Forschung gestützt wird.