Pablo Picasso
(Málaga, 1881-1973, Mougins)
Vor der Kirche, um 1901/02
Öl auf Leinwand, 46 x 55 cm
Signiert unten rechts: Picasso
Zervos XXI-308; Daix V-49
Der junge Picasso, der für das bunte Treiben auf dem Montmartre, wie es Renoir und Lautrec entdeckt hatten, nicht unempfindlich war, konnte in seiner Sensibilität seine Augen vor den Schattenseiten des Lebens nicht verschliessen. Er hatte sie schon in den Hafenvierteln von Barcelona kennengelernt, und der jungen Künstlerschaft von Barcelona mit ihren anarchistischen Neigungen war Sozialkritik, wie sie der auch dort bekannte Zeichner Th.-A. Steinlen in Paris übte, ein selbstverständliches Gebot. Dies waren die Voraussetzungen des Wandels, der schon in Paris Ende 1901 bei Picasso einsetzte: die Farben werden dumpf und grau, die Menschen werden in den Bann ihres einengenden Lebens geschlagen, der sie mit umfahrenden Konturen voneinander trennt; nur Mutter und Kind oder Liebende bilden noch ein Zusammengehöriges. Jede Geste des Willens erstirbt unter dem Schicksal, dem man sich beugt. Auch die kleine dörfliche Gemeinde im Bild "Vor der Kirche" beugt sich dem Druck ihres kargen Lebens in stiller Resignation. Die Dämmerung verschluckt alle Farben. Dieses Bild, vermutlich Ende 1901 in Paris oder 1902 in Barcelona entstanden, kündigt mit ähnlichen Bildern die"blaue Periode" an, die bis 1904 Picassos Werk prägt.