Amedeo Modigliani
(Livorno, 1884-1920, Paris)
Liegender Akt, 1916
Öl auf Leinwand, 65.5 x 87 cm
Signiert oben rechts: Modigliani

Auch mit den Meisterwerken aus dem frühen 20. Jahrhundert, die er seiner Sammlung einfügte, folgte Emil Bührle der Entwicklung, welche die französische Kunst der Zeit einschlug. Dabei lag dem Begriff des "Französischen" kein engstirniger Nationalismus zugrunde. Französisch war Kunst dann, wenn sie in Paris oder doch wenigstens in Frankreich entstand. Die Maler selbst konnten wie Chagall aus Russland, wie Picasso aus Spanien oder wie eben Modigliani aus Italien stammen – entscheidend war, dass sie ihre Formsprache und ihren Erfolg in der Pariser Szene herangebildet hatten. Der Liegende Akt von Amedeo Modigliani stammt von einem Künstler, der seine Karriere konsequent innerhalb der modernen Pariser Kunstszene verfolgte. Modigliani konzentrierte sich im Wesentlichen auf zwei Bildgattungen: Porträt und weibliche Akte. Bildnisse malte er vor allem von Freunden und Bekannten, die ihm bei seinem Fortkommen behilflich waren, wie etwa die Händler Leopold Zborowski und Paul Guillaume. In seinen Akten griff Modigliani auf ein jahrhundertealtes, bewährtes Bildthema zurück, gab ihnen aber eine moderne Erscheinung durch die flächige und matte Wirkung der Farben. Auch der Akt der Bührle-Sammlung ist mit sparsamen Mitteln modelliert und vermeidet allzu naturalistische Genauigkeit. Im gänzlich schwarzen rechten Auge lebt ein Motiv fort, das Modigliani aus Bildnissen Cézannes vertraut war. Auch Cézanne verlieh seinen Gesichtern oft eine maskenhafte Starre, indem er die Augen als dunkle Höhlen aussparte. Ungewöhnlich malerisch in seiner Wirkung ist das gestreifte Tuch, auf dem das Modell liegt. Bald nach seinem frühen Tod 1920 wurde Modigliani zu einem Inbegriff des armen, aber freien Künstlertums in der französischen Hauptstadt, das als "Ecole de Paris" erfolgreich vermarktet wurde.