Georges Braque
(Argenteuil-sur-Seine, 1882-1963, Paris)
Der Violinspieler, 1912
Öl auf Leinwand, 100 x 73 cm
Rückseitig signiert: Braque
Maeght 07-14.125
Die 1950er Jahre, in denen Emil Bührle den größten Teil seiner Sammlung erwarb, sahen den Impressionismus längst als eine historische Erscheinung. Was die Gemüter damals stark bewegte, war der rasche Vormarsch der ungegenständlichen Malerei, die überall Triumphe feierte. Auch wenn Emil Bührle in dieser Auseinandersetzung als Sammler nicht Stellung bezog, reagierte er doch indirekt darauf. Rund um seinen Kernbestand erwarb er einen Kreis bedeutender Werke von Künstlern, die noch vor dem Ersten Weltkrieg die Grenzen zur Abstraktion ausgelotet hatten. Das Werk der Sammlung Bührle, das auf diesem Weg am weitesten vorangeschritten ist, ist der Violinspieler von Georges Braque aus dem Frühjahr 1912. In enger Arbeitsgemeinschaft mit seinem Freund Pablo Picasso entwickelte Braque ab 1908 ein Verfahren, das die sichtbare, dreidimensionale Wirklichkeit in kristalline, zweidimensionale Formen auflöst und sie auf der Bildoberfläche zu einer ganz neuen Wirklichkeit zusammensetzt. Bei diesem Abstraktionsprozess werden allerdings nie die allerletzten Bezüge zur sichtbaren Wirklichkeit aufgegeben. Braques Violinspieler stammt aus der Phase, die der Ungegenständlichkeit am nächsten kommt und die als analytischer Kubismus bezeichnet wird. Das vor dem Maler sitzende Modell lebt fast nur noch in der Erinnerung an die tatsächliche Vorlage fort. Wir sehen zwar noch eine helle Gesichtsfläche, welche die pyramidale Struktur der sitzenden menschlichen Gestalt oben abschliesst. Für die weitere Lesbarkeit des Bildes sind wir aber auf die Zitate angewiesen, mit denen der Maler uns den Weg zum Verständnis weist. Wir erkennen die vier Saiten des Streichinstruments wieder, das die sitzende Figur auf ihrem Schoss hält, und können auch die S-förmige Öffnung des Geigenkastens im Bild ausmachen.