Georges Rouault
(Paris, 1871-1958, Paris)
Reiter in der Dämmerung, um 1920
Öl auf Papier auf Leinwand, 71 x 107 cm
Dorival 878
Für Rouault, der in einer Bombennacht der Commune 1871 im Keller eines hässlichen Quartiers von Paris als Sohn eines Handwerkers geboren wurde, gab es keine Landschaft im Sinne des Impressionismus. Wie seine Figuren aus den Extremen der Heiligen und Verdammten leben, sind auch seine Landschaften in den entgegengesetzten Bezirken traumhafter biblischer Visionen oder trostloser Vorstädte anklagender Traurigkeit angesiedelt. Die "Reiter in der Dämmerung" sind eine dieser Visionen, die, vor dem inneren Auge entstanden, sich der genauen Deutung entziehen. Vor dem dunkelleuchtenden Blau der Landschaft mit dem tiefen Türkis der Berge steht das Altrosa der nackten Reiter, das sich zu einem fast reliefartigen Farbauftrag von blaurosa Tönen in dem Schimmel steigert. Die breiten schwarzen Konturen erhöhen die sakrale Farbigkeit. Der jugendliche Reiter wird anscheinend von dem Älteren zu Pferd hinter ihm im Reiten angewiesen. In der Ausstellung der unvollendeten Werke aus dem Nachlaß des Künstlers im Louvre 1964 ist unter Nr. 146 eine spätere Landschaft "biblique, chevauchée, soleil couchant" gezeigt worden, die dieses Thema wieder aufnimmt, ohne es klarer zu machen. Im Katalog gibt Bernard Dorival an, dass das Bild in seinem ursprünglichen Zustand 1925 – geliehen von Vollard – in der Ausstellung "Gustave Moreau et ses élèves" in der Galerie Georges Petit ausgestellt war. Vielleicht erhärtet diese Tatsache die Vermutung, dass Rouault das Bild als "Hommage à Moreau" gemalt hat.